Trader Gernot Daum (Statistikfuchs)

Chart mit und ohne Dividendenabschlag


Lieber Leser,


Es ist im Moment die Zeit der Hauptversammlungen der deutschen Aktiengesellschaften. Die meisten davon haben schon stattgefunden. Für den Leser eines Charts hinterlässt der Dividendenabschlag am Tag nach der Hauptversammlung manchmal eine recht unschöne Lücke, die den Chart in der Folgezeit schwer lesbar macht. Denn die Lücke ist nicht „echt“.


Die bezahlte Dividende bleibt ja beim Besitzer der Aktie, und ist in der Bilanz kein Verlust. So aber erscheint es im Chart. Was also tun? Man kann Charts um die Dividende bereinigen. Alle Kurse vor dem Dividendenabschlag werden ebenfalls um die bezahlte Dividende nach unten korrigiert. Nun ist der Chart wieder „lesbar“, da alle Kurse im korrekten Verhältnis zueinander stehen.

Ein Nachteil der Methode ist, dass die Kurse in der Vergangenheit nicht mehr denjenigen entsprechen, die sich in den Köpfen der Beteiligten verankert haben. Und ein Teil der Nützlichkeit der Chartanalyse ist darin begründet, dass man auf einen Blick bedeutende Wendepunkte der Kursentwicklung sieht. Diese können, da sie in den Köpfen der Beteiligten sind, ihr zukünftiges Handeln beeinflussen.


Und das ist es, was der Chartanalytiker haben will: Hinweise auf zukünftige Verhaltensweisen von potenziellen Käufern und Verkäufern. Aus diesem Grund handle ich nach einem Kompromiss. In meinen Charts bereinige ich nur deutlich sichtbare Dividendenabschläge, und nehme diese Bereinigung nach ein paar Monaten wieder heraus. Der Chart zeigt so in den Wochen nach dem Dividendenabschlag die Realität, während wichtige Bezugspunkte der Kursentwicklung langfristig nicht verloren gehen.




Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Dies ist der aktuelle E.ON Chart mit dem Dividendenabschlag, der Anfang Mai erfolgt ist (roter Punkt). Dieser sieht wie ein „Wunde“ im Chart aus.



Durch den Kursabriss besteht diesem Chart nach in naher Zukunft keine Chance, dass die Aktie aus ihrer Seitwärtsrange ausbricht. Fast wäre im Mai sogar ein „Ausbruch nach unten“ erfolgt, was hier aber eine völlig falsche Interpretation gewesen wäre.

Tageschart der E.ON Aktie im Mai 2014 ohne Dividendenbereinigung


Hier hingegen sehen Sie das „wahre“ Bild. Der Chart ist um die Dividende bereinigt, und die „Wunde“ ist geschlossen. Auf diese Weise ist deutlich zu sehen, dass die Aktie vor einem Ausbruch nach oben steht. Denn der psychologische Hintergrund eines Ausbruchs ist ja vorhanden: Berücksichtigt man die gezahlte Dividende, ist niemand, der die Aktie in den letzten Monaten gekauft hat, im Verlust.


Das stärkt da Vertrauen in die Aktie. Und damit die Bereitschaft, an der Aktie festzuhalten, oder die Position sogar noch zu vergrößern. Die Folge sind verringerte Verkaufsbereitschaft und erhöhte Kaufbereitschaft, also gute Voraussetzungen für einen Trend

Tageschart der E.ON Akti im Mai 2014 ohne Dividendenbereinigung